Pressemitteilung vom 22.05.2026
Wenn der Hof zum Lebensraum wird

mehrere Personen stehen in einer Gruppe zusammen

Buch am Buchrain – Ein leises Zwitschern liegt über dem Innenhof, dann schießt eine Rauchschwalbe knapp über die Köpfe der Besucher hinweg in den Stall. Sekunden später folgen zwei weitere. Unter dem Dachfirst wird laut gezwitschert, aus den Nestern an der Dachrinne strecken Jungvögel ihre Schnäbel nach draußen. Auf dem Betrieb von Michael Rappold in Buch am Buchrain wird an diesem Vormittag nicht lange erklärt, warum Landwirtschaft und Naturschutz zusammengehören – man kann es hören und sehen.

Genau darum ging es beim gemeinsamen Termin mit dem AELF Ebersberg-Erding und dem Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV). Im Mittelpunkt standen Gebäudebrüter wie Rauchschwalben, Mehlschwalben, Turmfalken und Schleiereulen – Arten, die seit Jahrhunderten eng mit Bauernhöfen verbunden sind und ohne landwirtschaftliche Strukturen kaum überleben können.

„Wenn man sieht, wie selbstverständlich Schwalben, Sperlinge oder Turmfalken hier auf dem Hof ihren Platz haben, wird deutlich, dass Landwirtschaft und Naturschutz nur gemeinsam funktionieren können“, betonte Behördenleiter Reinhard Menzel beim Rundgang. „Viele landwirtschaftliche Betriebe leisten bereits heute wertvolle Beiträge für die Artenvielfalt – oft ganz praktisch und direkt im Betriebsalltag.“ Zwischen offenen Stallfenstern, Obstbäumen und Wirtschaftsgebäuden wird schnell klar: Der Bauernhof ist weit mehr als nur Produktionsort – er ist Lebensraum. Im Stall befinden sich Nester von Haussperlingen, unter den Dachvorsprüngen kleben mehrere Mehlschwalbennester und über den Wiesen jagen die Tiere nach Insekten. Gerade Schwalben zeigen dabei besonders eindrucksvoll, wie eng Landwirtschaft und Artenvielfalt miteinander verbunden sind. Rauchschwalben brauchen offene Stallungen, Einflugmöglichkeiten und niedrige Decken zum Brüten – Strukturen, die in modernen Gebäuden immer seltener werden.
Michael Rappold zeigt nach oben zu den Nestern unter dem Dachvorsprung. „Gebäudebrüter gehören für mich zum Hof einfach dazu“, sagt er. „Sie leisten einen wichtigen Beitrag, indem sie große Mengen an Fluginsekten fressen. Gerade in den Sommermonaten merkt man deutlich, wie viele Fliegen und Mücken die Tiere fernhalten. Eine Rauchschwalbenfamilie vertilgt während eines Brutdurchgangs rund ein Kilogramm Insekten.“ Gleichzeitig verweist er darauf, wie wichtig geeignete Stallstrukturen bleiben: „Jeder Betrieb mit niedrigen Decken, der aufhört, führt auch dazu, dass die Schwalben verschwinden. Genau solche Räume benötigen sie zum Brüten und Nisten.“
Die Nester der Mehlschwalben sind kleine Kunstwerke aus Lehm, Stroh und Pflanzenresten. Mit beeindruckender Präzision bauen die Tiere ihre Brutplätze unter Dachvorsprüngen und Balken. Michael Rappold kennt die Anforderungen genau – inklusive eines praktischen Tipps: „Der Putz darf nicht zu glatt sein, sonst rutschen die Nester bei starkem Regen irgendwann ab. Wenn die Wand etwas rauer ist, hält das deutlich besser.“
Anlass des Treffens war die erste gemeinsame Maßnahme nach dem Dialog zwischen Naturschutz und der Erdinger Landwirtschaftsschule. Der Austausch sollte bewusst nicht theoretisch bleiben, sondern direkt dort stattfinden, wo Landwirtschaft und Artenvielfalt täglich aufeinandertreffen.
Wie einfach manche Maßnahmen sein können, erklärte Matthias Luy, Landwirtschaftsreferent des LBV. Nisthilfen für Rauch- und Mehlschwalben, sogenannte Schwalbenwinkel und Nistschalen, feuchte Lehmstellen oder große Nistkästen für Turmfalken und Schleiereulen könnten bereits viel bewirken. „Auch das Vieh in den Ställen ist dankbar, dass die Schwalben Fliegen und Mücken fernhalten“, sagte er mit einem Schmunzeln. Gleichzeitig könnten Schleiereulen und Turmfalken als effektive Mäusejäger dazu beitragen, Schäden auf Feldern und Wiesen auf natürliche Weise zu reduzieren.
Dr. Franziska Müller-Waldeck von der Wildlebensraumberatung am AELF Ebersberg-Erding verwies darauf, dass viele Betriebe bereits heute wichtige Beiträge leisten: „Für Landwirte ist es selbstverständlich, Gebäudebrütern wie Schwalben, Turmfalken und Schleiereulen ein Zuhause auf ihren Höfen zu geben.“ Wichtig sei es, praxistaugliche Lösungen zu entwickeln, die Naturschutz und landwirtschaftliche Anforderungen miteinander verbinden. Gleichzeitig könnten auch Kommunen, Privatpersonen und Flächenbesitzer mit kleineren Maßnahmen dazu beitragen, die Insektenvielfalt zu fördern – und damit wichtige Nahrungsgrundlagen für viele Vogelarten zu erhalten.
Auch Martin Stanner, benachbarter Landwirt und Absolvent jener Klasse, die den Dialog mit dem LBV begonnen hatte, sieht in der Zusammenarbeit den entscheidenden Weg: „Landwirtschaft und Naturschutz sollten weniger gegeneinander arbeiten und mehr miteinander. Nur gemeinsam kommen Projekte voran.“ Wichtig sei vor allem gegenseitiges Verständnis. „Beide Seiten müssen aufklären und sensibilisieren. Nur wer die Herausforderungen des anderen kennt, kann Verständnis füreinander entwickeln.“
Während über dem Hof weiter die Schwalben kreisen und über den Stallungen ein Rotmilan seine Bahnen zieht, bleibt am Ende vor allem ein Eindruck: Artenvielfalt entsteht dort, wo Landwirtschaft, Beratung und Naturschutz gemeinsam an praktikablen Lösungen arbeiten – sichtbar und mitten im Alltag eines Bauernhofs.