Dialog auf Augenhöhe
Landwirtschaftsschüler diskutieren mit Landesvorsitzenden des LBV
Landwirtschaft und Naturschutz stehen in enger Beziehung – und müssen immer wieder neu in Einklang gebracht werden. Wie dieses Zusammenspiel in der Praxis gelingen kann, diskutierten die Studierenden des ersten Semesters der Landwirtschaftsschule Erding mit dem Vorsitzenden des Landesbunds für Vogel- und Naturschutz in Bayern (LBV), Dr. Norbert Schäffer im April 2026. Gemeinsam mit seinem Kollegen Matthias Luy war er zu Gast am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Ebersberg-Erding. Statt eines klassischen Vortrags stand ein offener Dialog im Mittelpunkt.
Der Austausch entstand aus gemeinsamen Projekten der Landwirtschaftsschule und der LBV-Kreisgruppe Erding. In den vergangenen Jahren wurden bereits mehrere Maßnahmen zur Förderung der Artenvielfalt umgesetzt, darunter eine Hecke in Buch am Buchrain, eine Benjeshecke sowie Obstbaumpflanzungen in Isen. Aus dieser Zusammenarbeit entwickelte sich der Wunsch, mit der Verbandsspitze des LBV in den persönlichen Austausch zu gehen und Fragen aus landwirtschaftlicher Praxis und Naturschutz offen zu diskutieren.

Der LBV ist einer der größten Naturschutzverbände Bayerns und setzt sich für den Schutz von Arten und Lebensräumen sowie für die Förderung der Biodiversität ein. Schäffer und Luy eröffneten die Diskussion bewusst offen: Naturschutz könne langfristig nur im Dialog mit der Landwirtschaft erfolgreich sein. „Wir wollen Partner sein und mit unserer fachlichen Kompetenz konkrete Maßnahmen gemeinsam entwickeln. Blühflächen leisten zum Beispiel einen wichtigen Beitrag zur Artenvielfalt“, erklärte Schäffer. Auch die Studierenden brachten ihre Erfahrungen ein. Sie kommen von Betrieben aus den Landkreisen Erding, München, Ebersberg, Fürstenfeldbruck und Mühldorf und spiegeln damit die Vielfalt der bayerischen Landwirtschaft wider – vom Milchviehbetrieb bis zum Ackerbau. „Viele von uns setzen bereits Maßnahmen für mehr Artenvielfalt um“, berichtete Klassensprecher Florian Biersack, der einen Ackerbaubetrieb im Raum Garching bewirtschaftet. „Dazu gehören abwechslungsreiche Fruchtfolgen, Blühflächen, Stilllegungen oder extensiv genutztes Dauergrünland. Förderprogramme wie Öko-Regelungen oder KULAP unterstützen solche Maßnahmen.“
Passende und attraktive Anreize
Ein zentraler Punkt der Diskussion war die Frage nach geeigneten Anreizen für landwirtschaftliche Betriebe. Aus Sicht des Naturschutzes braucht es eine stärkere Unterstützung für Betriebe, die Biodiversitätsmaßnahmen umsetzen. „Wenn Landwirte aktiv zur biologischen Vielfalt beitragen – etwa über Gewässerrandstreifen, Blühflächen oder Maßnahmen für eine bessere Wasserqualität –, dann braucht es dafür passende und attraktive Anreize. Das sollte über die bestehenden KULAP-Beiträge hinausgehen“, betonte Schäffer.
Naturschutzmaßnahmen sollen praktikabel bleiben
Auch kritische Fragen wurden offen angesprochen. So hinterfragten die Studierenden beispielsweise die Sinnhaftigkeit von Flächenstilllegungen oder der Umwandlung von Ackerland in Dauergrünland. In der Praxis müsse häufig nach einigen Jahren wieder gepflügt werden, um den Ackerstatus zu erhalten. Schäffer räumte ein, dass diese Punkte aus landwirtschaftlicher Sicht nachvollziehbar seien: „Naturschutzmaßnahmen sollten so gestaltet sein, dass sie praktikabel bleiben. Gleichzeitig braucht Natur Zeit. Manchmal dauert es mehrere Jahre, bis sich Arten wieder ansiedeln.“
Jedes Lebewesen hat seine Berechtigung
Ebenfalls zur Sprache kamen Herausforderungen aus der Praxis, etwa Schäden durch Saatkrähen oder Tauben und deren Auswirkungen auf Futter und Silage. „Ich verstehe die Sorgen der Betriebe“, erklärte Schäffer. „Gleichzeitig hat jedes Lebewesen seine Berechtigung. Wichtig ist, Lösungen zu finden, ohne eine Art gegen die andere auszuspielen.“ Für einen unerwarteten Moment sorgte während der Diskussion eine große Hummelkönigin, die durch das geöffnete Fenster in den Raum flog und kurzzeitig für Aufsehen sorgte – ein passendes Symbol für das Thema des Nachmittags.
Es ist wichtig verschiedene Perspektiven kennen zulernen
Reinhard Menzel, Behördenleiter des AELF Ebersberg-Erding, unterstrich die Bedeutung solcher Gesprächsformate: „Gerade für junge Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter ist es wichtig, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen. Der direkte Dialog schafft Verständnis und ist eine wichtige Grundlage für tragfähige Lösungen.“
Am Ende des Nachmittags stand kein fertiger Maßnahmenkatalog. Deutlich wurde jedoch, dass sich beide Seiten in vielen Punkten annähern und das Verständnis füreinander wächst. Gleichzeitig zeigte die Diskussion, dass einfache Lösungen selten sind. Ein Ergebnis blieb dennoch klar: Zukunftsfragen der Kulturlandschaft lassen sich nur im offenen Austausch zwischen Landwirtschaft, Naturschutz und Gesellschaft beantworten. Weitere Dialogformate dieser Art sind bereits geplant.
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